Wenn analoger Alltag zum Auslaufmodell wird - Schulungen für ältere Menschen
Eichstätt - Arztbriefe, Befunde und vieles mehr lässt sich in der neuen elektronischen Patientenakte (ePA) ablegen, die jeder automatisch erhält. Wer sich dazu informieren möchte, findet zum Beispiel auf der Internetseite der Kassenärztlichen Bundesvereinigung die Rubrik „Fragen und Antworten“. Es sind mehr als 100 Punkte, die im Einzelnen erläutert werden, aber Antwort auf eine Frage sucht man vergeblich: Was ist mit denen, die gar keinen PC, kein Smartphone besitzen? Die mit der fortschreitenden Digitalisierung im Alltag nicht schritthalten, keine App für Exklusiv-Angebote im Supermarkt präsentieren können, in der telefonischen Warteschleife der Arztpraxis festhängen, statt schnell online einen Termin zu buchen.
Wie wichtig das Thema gerade für ältere Menschen ist, zeigt sich auch daran, dass die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen kürzlich vor der Bundestagswahl an alle Parteien folgende Fragen richtete: „Mit welchen konkreten Maßnahmen wird Ihre Partei verhindern, dass Menschen, die das Internet nicht nutzen, von der Teilhabe am öffentlichen Leben ausgeschlossen werden?“ und „Wie wird sich Ihre Partei für einen Ausbau digitaler Lern- und Erfahrungsorte einsetzen?“
Google Maps? Kein Problem!
Einen solchen Lernort schafft im Bistum Eichstätt zum Beispiel seit mehr als zehn Jahren die Kolpingjugend mit ihrem Angebot „Jung lehrt Alt“. Vereinsmitglieder, derzeit ein Team von etwa 20 Leuten, stehen bereit, um in kleinen Gruppen ins Bistum auszuschwärmen und Interessierten bei Kaffee und Kuchen Fragen zum Umgang mit Handy, Tablet oder PC zu beantworten. Meist organisiert die Kolpingjugend die Treffen in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Deutschen Frauenbund (KDFB). Florian Siegmund, der dem Diözesanvorstand der Kolpingjugend ebenso angehört wie dem Vorstand des Diözesanrats, war schon mehrmals dabei. Nach ihrem Alter frage er die Teilnehmenden nicht, meint er, „aber ich glaube schon, dass wir auch Leute über 80 haben“. Etwa zwei Drittel seien Frauen. Oft hätten sie ihr Handy zu Weihnachten von den Kindern bekommen, „sich schon ein bisschen was erklären lassen und sich handschriftliche Notizen gemacht, die sie dann bei der Schulung aus der Handy-Hülle ziehen“. Manche hätten das nagelneue Gerät noch nie benutzt, es gebe aber auch Senioren, „die richtig gut sind, denen es schon um Detailfragen geht“. Manche kommen, um sich Funktionen wie „google maps“ erklären zu lassen und Siegmund freut sich mit ihnen, wenn sie das am Ende des Nachmittags stolz beherrschen. Der Pädagogikstudent gehört mit seinen 24 Jahren zu einer Generation, die sich ein analoges Leben ohne schnelle Absprachen am Handy und im Netz nicht mehr vorstellen könnte. Dass aber auch ältere Leute von digitaler Kommunikation profitieren, beobachtet Siegmund bei seiner eigenen Oma: dank Tablet und Smartphone bleibe sie in engem Kontakt zu den Enkelkindern.
Corona als Beschleuniger
Auch in Velburg war im vergangenen Jahr ein „Jung lehrt Alt“-Team der Kolpingjugend zu Gast. „Eine Supergeschichte“ sei dieses Projekt, lobt Frieda Drescher. Die 67-jährige Mitarbeiterin einer IT-Firma ist nicht nur Vorsitzende des Velburger KDFB-Ortsvereins, sondern auch Mitglied im Diözesanvorstand des KDFB. Dass der Diözesanverband in Sachen Digitalisierung längst die Zeichen der Zeit erkannt hat, beweist zum Beispiel das derzeit laufende „Instagram-Trainingslager“ für Vereinsmitglieder. Viele Fortbildungen und Vorträge bietet der Frauenbund bereits Online an, momentan sogar einen Heilfastenkurs. Corona habe die Entwicklung beschleunigt, meint Drescher, „es hat uns mit der Digitalisierung automatisch konfrontiert und fit gemacht“. So habe auch Austausch in der Gruppe stattfinden können, als Präsenzveranstaltungen nicht möglich waren. Die älteren Mitglieder im Verband dürfe man nicht unterschätzen, was den Umgang mit Online-Angeboten des KDFB betrifft: „Die wollen das“.
Was aber ist mit Menschen, die im Verein nicht (mehr) aktiv sind, keine Angehörigen vor Ort und nicht einmal einen Internetanschluss in der Wohnung haben? Wer hilft ihnen, wenn ein Antrag digital zu stellen, eine Auskunft nur online erhältlich ist? „Einfach die Augen offen halten“, regt Drescher, die auch dem Sachausschuss „Gemeindecaritas-Seniorenarbeit“ des Diözesanrats angehört, zu spontaner Hilfestellung im Bedarfsfall an. Auch Nachbarschaftshilfen oder Seniorenkreise könnten dafür in Frage kommen.

Alter ist „Hauptknackpunkt“
Viel Erfahrung in der Seniorenarbeit hat Margit Hummel aus Hörmannsdorf. Mehr als zehn Jahre lang war sie mit ihrer Gitarre eine der Leiterinnen der „Seniorensitzweil“ in ihrer Pfarrei. Weil die Teilnehmenden weniger wurden und zugleich der Frauenbund seine Aktivitäten eingestellt hatte, entstand vor zwei Jahren als Alternative der Senioren- und Frauenkreis. „Ich bin mit 59 die Jüngste“, lacht Hummel. In ihre Planungen für das erste Halbjahr 2025 fiel die Ankündigung der elektronischen Patientenakte. So entstand die Idee zu einem Vortrag über die ePA, der im Februar in Zusammenarbeit mit der Katholischen Erwachsenenbildung Neumarkt stattfand. An dem Nachmittag im Pfarrheim, bei dem eine Referentin vom Verbraucherservice Bayern sprach, stellte Hummel fest, „dass viele unserer Senioren fast ein bisschen überfordert waren von dem Thema“. Das Alter, meint sie, „ist schon noch der Hauptknackpunkt“. Hummel selbst hat die ePA-App längst auf dem Handy. Mehr als 30 Jahre hat sie bei einer Bank gearbeitet und bei technischen Neuerungen „immer mitgehen müssen“.
Neuer IT-Treffpunkt für Senioren
Was die elektronische Patientenakte betrifft, so liefert diese auch das Thema der diesjährigen Bezirkstage des KDFB-Diözesanverbands. Sie finden noch bis Ende April statt, ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Verbraucherservice Bayern. Ganz aktuell greifen die Malteser des Bistums in diesen Tagen das Thema „Senioren in der digitalen Welt“ auf und laden zum Smartphone-Workshop in ihre Geschäftsstelle in Eichstätt. Zwei junge Leute, die gerade Bundesfreiwilligendienst bei den Maltesern leisten, stehen einen Vormittag lang für Fragen rund ums Handy zur Verfügung. Ältere Leute hätten oft Angst, etwas falsch oder kaputt zu machen, meint Christina Derr, Malteser-Verbandsreferentin für soziales Ehrenamt, „diese Angst hemmt sie“. Klar frage man auch mal bei Kindern oder Enkeln nach. Aber wenn es dann beim nächsten Versuch wieder nicht klappe, dann wolle man nicht erneut um Hilfe bitten, „weil man ja nicht zur Last fallen will“. Um Senioren mehr Sicherheit und Souveränität im Umgang mit neuen Kommunikationsmitteln zu ermöglichen, planen die Malteser über den Handy-Workshop hinaus noch ein weiteres Angebot, das am 11. April, ebenfalls in der Geschäftsstelle, startet: Ein IT-Treff, zu dem im 14-Tages-Rhythmus insbesondere ältere Menschen eingeladen sind, ob Einheimische oder Geflüchtete.
Auch die Katholische Stadtkirche Nürnberg sieht Bedarf, sich mit der digitalen Welt auseinanderzusetzen. Diese könne „Fluch und Segen zugleich sein“, heißt es in der Ankündigung zu einem neuen Angebot im „Fenster zur Stadt“. Denn „Themen wie Online-Wohnungs- oder Jobsuche, das Erstellen von Mailadressen und Kundenkonten, Online-Einkäufe, Terminbuchungen und vieles mehr können zu einer echten Herausforderung werden“. Alle zwei Wochen, immer Donnerstag nachmittags, unterstützt ein junger Mann Ratsuchende. Zusätzlich gibt es, ebenfalls alle vierzehn Tage, eine Handysprechstunde. Sie ist nach Auskunft von Inge Rehm, Leiterin des „Fenster zur Stadt“, immer voll belegt. Die durch Corona beschleunigte Entwicklung, immer mehr Behörden- oder Bankangelegenheiten nur noch Online erledigen zu können, habe manchen überrollt, bemerkt sie.
Umso mehr imponiert einem die Offenheit, mit der sich mitunter auch sehr alte Menschen der Digitalisierung stellen. Ein Beispiel erzählt Matthäus Kamuf, Ansprechpartner für Seniorenpastoral im Bistum Eichstätt: Er machte einen Geburtstagsbesuch bei einer 94-jährigen Dame und sprach sie erstaunt auf den leistungsfähigen Apple-Computer in ihrer Wohnung an. Ihre Antwort: „Entweder man geht mit der Zeit oder man geht mit der Zeit“.
Text: Gabi Gess für [inne]halten – Die Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt